Mobbing verändert Menschen!

Wenn wir nicht mehr sein können, wie wir einst waren… Wer von Mobbing betroffen ist oder war, muss ein furchtbarer oder labiler Mensch sein, zumindest aber „schwierig“ im Kontakt. Wenn ich solche Aussagen höre (was in der Vergangenheit bereits mehrfach vorkam), erkenne ich darin sehr viel Ignoranz und Überheblichkeit. Eine Mobbingsituation ist für die Betroffenen eine erhebliche psychosoziale Belastung, die sich selbstverständlich auch auf die Psyche auswirkt. Wie das genau geschieht, wurde bereits mehrfach untersucht und beschrieben.

Der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Argeo Bämayr schlägt in diesem Zusammenhang bspw. vor, zum Zwecke einer angemessenen Behandlung eine eigenständige Diagnose ins ICD (International Classification of Diseases) aufzunehmen. Seiner Meinung nach ist vor allem die sehr häufig verwendete Diagnose „Anpassungsstörung“ äußerst unangebracht für die Betroffenen einer „Mobbing-Katastrophe“. So ist das „Bedrängnis“ bei Mobbing keineswegs „subjektiv“ (was eine Voraussetzung dafür wäre), sondern „objektiv“. Niemand könne sich einem Psychoterror mit dem Zweck einer psychosozialen Destabilisierung „anpassen“. Zudem führt eine solche Diagnose leicht zu einer klassischen Opferbeschuldigung und ist somit diskriminierend. Dr. Bämayr weist in diesem Zusammenhang eindringlich auf das Problem einer Verkehrung von Ursache und Wirkung hin, d. h. dass vielen Betroffenen unterstellt werde, ihre Erkrankung sei die Ursache und nicht eine Folge von Mobbing.

Manfred Evertz

Bei der Primärdiagnose „Mobbingsyndrom“, die in „NeuroTransmitter“ (Heft 11/2006) erstmals benannt wurde, lassen sich vier Stadien erkennen: Nach der akuten Belastungsreaktion folgt eine „kumulative“ traumatische Belastungsstörung (mit Depressionen, Selbstzweifeln, Schuldgefühlen, Vermeidungsverhalten, Schlafstörungen, Grübelzwängen, eingeengtem Denken u.v.m.). Diese wiederum mündet in einer Posttraumatischen Belastungsstörung, welche im schlimmsten Fall andauernde Persönlichkeitsveränderungen nach Extrembelastungen nach sich zieht.

Die posttraumatische Verbitterungsstörung, wie sie Prof. Dr. Michael Linden (ärztlicher Direktor des Reha-Zentrums Teltow) vorschlägt, weist hierzu einige Parallelen auf. So können auch gesunde bzw. stabile Persönlichkeiten unter den Belastungen einer anhaltenden Mobbingsituation psychisch und körperlich erkranken. Sie ließe sich als ein den Beginn der Krankheit herbeiführendes „außergewöhnliches Lebensereignis“ betrachten, vor allem dann, wenn die Betroffenen zuvor keine psychischen Auffälligkeiten zeigten. Der Zusammenhang zwischen der psychischen Befindlichkeit und diesen Ereignissen ist offenkundig. In Gesprächen berichten die Menschen immer wieder von empfundenen Ungerechtigkeiten und wirken emotional erregt, wenn sie an ihre Erlebnisse erinnert werden. Viele Betroffene betrachten sich selbst als Opfer und sind hilflos, mit dem Ereignis oder mit dessen Folgen umzugehen. Nicht selten geben sie sich selbst die Schuld bzw. werfen sie sich vor, sich nicht wirkungsvoll zur Wehr gesetzt zu haben bzw. nicht adäquat damit umgehen zu können. Des Weiteren berichten sie oftmals über intrusive Erinnerungen an das kritische Ereignis. Manche Patienten äußern Suizidgedanken. Begleitende Gefühle können sein: Dysphorie (Missstimmung), Aggressivität und Niedergeschlagenheit, die einer melancholischen, depressiven Verfassung (mit psychosomatischen Syndromen) ähnelt. Weitere unspezifischere Symptome sind Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Schmerzen oder Ängste, die sich auf die Orte oder Personen beziehen, die mit dem besagten Ereignis in Verbindung stehen. Der Antrieb dieser Menschen ist nicht selten reduziert oder sogar blockiert.

Doch ist eine Psychopathologisierung der Betroffenen tatsächlich hilfreich? Zum Zwecke einer zielgerichteten Therapie ist sie es mit Sicherheit. Allerdings scheint mir dabei leicht vergessen zu werden, wie normal derartige Wesensveränderungen eigentlich sind, wenn man sich in einer ständigen psychosozialen Belastungssituation (wie bspw. Mobbing) befindet.

Sind Menschen längere Zeit in einem Konflikt verstrickt, dann neigen sie stärker als sonst dazu, Ereignisse in ihrer Wahrnehmung zu selektieren, zu filtern oder zu verzerren. Sie hören ihrem Gegenüber nicht mehr genau zu und sehen nur noch das, was sie zu sehen glauben. Schnell entwickelt sich dabei eine Art Tunnelblick. Die Wahrnehmung wird von Denkmustern gesteuert, was dazu führen kann, dass man nur noch sieht, was man denkt. Dies wiederum erleichtert die Entstehung sogenannter Denkfehler, die Aaron T. Beck bereits bei seinen Patienten entdeckte, die er aufgrund einer Depression behandelte. Übergeneralisierungen, willkürliche Schlussfolgerungen und dichotomes Denken nehmen zu. Schnell werden andere Menschen kategorisch in „gut“ und „böse“ unterteilt. Es kommt zu Verdächtigungen, Missverständnissen und Fehlinterpretationen, wenn es um das Verhalten des Kontrahenten geht. Das Tragische dabei ist, dass sich beide Parteien im Recht fühlen, weil sie der Überzeugung sind, dass die Dinge genauso sind, wie sie darüber denken.

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Manfred Evertz

Auch die Gefühle werden selbstverständlich in Mitleidenschaft gezogen. Aufgrund der akuten Bedrohung werden Ängste zur handlungsleitenden Emotion. Man fühlt sich der Situation ausgeliefert, empfindet Ohnmacht, wird unsicher, misstrauisch und empfindlich. Um sich selbst zu schützen bildet man einen Schutzpanzer oder spaltet einzelne Gefühlsbereiche aus dem Erleben ab. Allmählich geht die Empathiefähigkeit verloren. So wirkt man auf den Konfliktpartner kühl und berechnend, zumindest solange, bis sich die aufgestauten Emotionen in einem Ausbruch entladen. Diese Explosionen führen dann schnell dazu, dass Außenstehende einen als unberechenbar oder psychisch instabil wahrnehmen.

In einer derartigen Stresssituation werden Überlebensinstinkte wach, die archaische Reaktionsmuster auslösen: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Das Ego zentriert sich immer mehr auf die unerfüllten sozialen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Verbundenheit, Anerkennung, Wertschätzung etc. Es wird starr und zwanghaft. Dass sich dann auch das Verhalten verändert, scheint auf der Hand zu liegen. Man reagiert oftmals nur noch instinktgesteuert bzw. ohne Besinnungspausen einzulegen auf das Verhalten des Konfliktpartners. In Verstrickungen eines solchen Ausmaßes neigen Menschen (oftmals ohne es kontrollieren zu können) immer mehr dazu, frühkindliche Bewältigungsstrategien zu nutzen: Sie schreien sich an, erkranken, ziehen sich zurück oder bemühen sich verkrampft darum, immer alles richtig zu machen.

Das aber sind vollkommen menschliche Reaktionen, die man gelegentlich (zumindest im Ansatz) auch bei „gesunden“ Menschen beobachten kann, wenn sich diese in einem Streit befinden. Mobbing ist allerdings mehr als nur ein einfacher Konflikt, da eine fundamentale Unterlegenheit damit einhergeht, die oftmals zu Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verzweiflung führt. Es ist für mich zwar verständlich, dass man sich im Rahmen einer Therapie darum bemüht, die Betroffenen wieder zu stärken und zu schauen, was bei ihnen vielleicht zu einer erhöhten Empfindlichkeit bzw. Vulnerabilität beigetragen haben könnte, grundsätzlich halte ich die entsprechenden Reaktionsmuster allerdings für normal und absolut nachvollziehbar.

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Literatur:

  • Bämayr, Argeo (2012). Das Mobbingsyndrom. Diagnostik, Therapie und Begutachtung im Kontext zur in Deutschland ubiquitär praktizierten psychischen Gewalt. Munich University Press.
  • Linden, Michael. Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung. In: Fuchs, Thomas & Berger, Mathias. Affektive Störungen. Klinik – Therapie – Perspektiven (Kapitel 8). Schattauer (2013).

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