Sollte man im Vorstellungsgespräch über Mobbingerfahrungen sprechen?

Mobbing endet oftmals mit dem Ausscheiden des „Opfers“ aus dem Unternehmen. Mit der Phase der beruflichen Neuorientierung stellt sich für viele Betroffene die Frage, wie offen man über seine eigenen Erfahrungen mit dem Thema ‘Mobbing’ sprechen sollte? Die Antwort lautet wohl: Am besten gar nicht!

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Manfred Evertz

Warum das so ist, wird durch die vielen Vorurteile deutlich, die über die „Opfer“ kursieren und die sich trotz eifrigster Aufklärungsarbeit hartnäckig halten. Bei einem offenen Umgang mit dem Thema wird man als Bewerber also schnell „aussortiert“. Dem zugrunde liegt die Annahme, dass es Menschen gibt, die wenig anpassungsfähig oder „schwierig“ sind und die Konflikte sozusagen „magisch“ anziehen. Stigmatisierungen und starre Rollenzuschreibungen gehen damit einher. Unterstützt wird diese Haltung scheinbar durch das Resultat empirischer Erhebungen, aus denen hervorgeht, dass mehr als die Hälfte der „Opfer“ bereits mehrfach in eine Mobbing-Situation geraten waren.

Gängig ist auch die Annahme, dass die Ursache für Mobbing in einem schwachen Selbstwertgefühl des „Opfers“ liegt. Menschen, die eine Art Minderwertigkeitsgefühl mit sich herumtragen, strahlen das dem zufolge aus. Wer sich selbst nicht mag, fordert andere Menschen unbewusst dazu auf, ihnen gegenüber auch Ablehnung zu empfinden bzw. diese zu zeigen. Die Mobber erkennen in der betreffenden Person dann ihre eigenen Persönlichkeitsanteile, die sie ablehnen oder unterdrücken, und reagieren darauf. Da Mobbinghandlungen vielfach auch der Erhöhung des Selbstwertgefühls auf Täterseite dienen, bieten sich „schwache“ oder unsichere Menschen sowie Menschen in Außenseiterrollen besonders gut als „Opfer“ an. So sind es also in der Regel geschwächte Personen, die zum Opfer von Belästigungen bzw. zur Zielscheibe werden…

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Auch wenn man (bei der Auswertung von Befragungen) berücksichtigt, dass Menschen darum bemüht sind, ein positives Selbstbild (auch nach außen) aufrecht zu erhalten, was sicher so manche selbtreflexive Einsicht erschwert oder verhindert, so ist es doch erstaunlich, dass von den befragten Opfern im Mobbing-Report 60% (als die häufigste Ursache) angaben, dass Sie (auch) aufgrund einer geäußerten Kritik, und 58% aus Gründen der Konkurrenz gemobbt geworden sind (!). Immer wieder wird auch Neid (also zum Beispiel auf überdurchschnittliche Leistungen oder Erfolge) als Grund für Mobbing genannt. Gibt es aber einen direkten Zusammenhang zwischen der Tatsache, mit einer Kritik auf Unbehagen und Ablehnung gestoßen zu sein, und einem schwachen Selbstwertgefühl? Oder reagiert man auf Menschen mit Neid, die ein schwaches Selbstwertgefühl bzw. offensichtliche Schwächen haben? Beides lässt sich doch wohl stark bezweifeln… Und können gute Leistungen nicht außerdem auch von Menschen erbracht werden, die selbstbewusst sind?

Ein weiterer vielfach genannter Grund für Mobbing ist das Verstoßen gegen Gruppennormen und Verhaltensregeln. Aus diesem Grund sind auch psychisch oder körperlich behinderte Menschen überdurchschnittlich häufig von Mobbing betroffen. Da Mobbing aber auch psychisch krank macht und dadurch auch zu Verhaltensauffälligkeiten (z.B. leichte Erregbarkeit, gesteigertes Misstrauen, übersteigerte Sensibilität) führen kann, die eventuell als „schwierig“ empfunden werden, entsteht schnell ein Teufelskreis aus Vorurteilen und Stigmatisierung. Die oftmals späte Bereitschaft, sich Hilfe zu holen, verbunden mit der Unterlegenheit des Einzelnen gegenüber dem Unternehmen bzw. der Führungskraft (die in über 50% aller Fälle an den Mobbinghandlungen beteiligt ist) und/oder der Gruppe führt in vielen Fällen dazu, dass diese Menschen für lange Zeit einer seelischen Belastungssituation ausgesetzt sind, die schwere psychische Erkrankungen und langfristige Persönlichkeitsveränderungen zur Folge haben kann. Depressionen, Angststörungen, vor allem aber Symptome, vergleichbar mit denen einer posttraumatischen Belastungsstörung, sowie Selbstmorde sind keine Seltenheit. Oftmals werden die durch das Mobbing entstandenen psychischen Probleme und Verhaltensauffälligkeiten des Mitarbeiters dann von Arbeitgeberseite als Begründung für die Schwierigkeiten genannt, die man mit diesem hat. Ursache und Wirkung werden also vertauscht und Stigmatisierungen (gezielt) als Mobbing-Instrument eingesetzt.

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Man kann also wohl auch unabhängig von einer vermeintlich vorliegenden „psychischen Störung“ zum „Opfer“ von Mobbing werden. Aber ist es dann nicht trotzdem eine Frage der individuellen Konfliktbewältigungsstrategien und der Resilienz, ob jemand an der Situation psychisch erkrankt oder es schafft, diese vorzeitig aufzulösen? Allerdings gibt es bis heute keine wissenschaftlich bestätigten Hinweise auf eine bestimmte Persönlichkeitseigenschaft, die in einem direkten Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit steht, zum Opfer von Mobbing zu werden. Mobbing hat viele verschiedene Erscheinungsformen und findet immer in komplexen Systemen statt. Eine einseitige Fokussierung auf die Eigenverantwortlichkeit oder die psychische Gesundheit des „Opfers“ ist allein schon aus diesem Grund vollkommen unangemessen.

Trotzdem scheint ‘Mobbing’ ein Thema zu sein, über das man in einem Vorstellungsgespräch besser nicht spricht, oder?

Quelle der Zahlen: Meschkutat, B., Stackelbeck, M. & Langenhoff, G. (2002). Der Mobbing-Report. Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland.

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